|

|
- Vortrag
von Frau Dr. Emilie Riedl am 15.11.2008
beim 1. Seniorentag des Marktes
Egloffstein im Mehrzweckhaus
Affalterthal.
-
- Begrüßung
- Gerne
bin ich der Einladung von Frau Hoyer
gefolgt, am 1. Seniorentag teilzunehmen.
Auf meine Frage, über welches Thema
ich sprechen soll, bekam ich die
Anwort:"als Hausärztin auf dem Lande
wissen Sie doch am besten wo der Schuh
drückt". Was also bewegt unsere
älteren Mitbürger/innen, was
bereitet Sorge, was macht
Angst?
-
Zunächst
einmal stehen mit dem Beginn des
Älterwerdens gesundheitliche Probleme im
Vordergrund. Die Funktionen unserer inneren
Organe lassen langsam nach und es kommt zu
Erkrankungen wie Bluthockdruck,
Herzmuskelschwäche,
Gefässerkrankungen und
Stoffwechselstörungen wie Diabetes. Die
Beweglichkeit und Belastbarkeit von Knochen
und Gelenken wird zunehmend
eingeschränkt und auch die
Sinnesfunktion Sehen und vorallem Hören
lassen nach und zuletzt auch die
Fähigkeiten unseres Gehirns, wovor viele
ältere Menschen am meisten Angst haben.
Bei fast allen Erkrankungen kann die moderne
Medizin in ihren Verlauf gut einwirken, ihn
verzögern, die Beschwerden lindern, sie
jedoch nicht mehr heilen. Es kommt in hohem
Maße darauf an, bereits zu Beginn
dieser Erkrankungen medizinisch oder durch
Veränderung der Lebensweise einzuwirken,
um deren Fortschreiten zu verhindern, nicht
erst wenn schon Symptome auftreten. Deshalb
sollten regelmäßig entsprechende
Voruntersuchungen wie Kontrollen des
Blutbildes, EKG und Ultraschalluntersuchungen
vorgenommen werden.
|
Wichtig ist aber vor
allem auch, dass wir uns im Alter gesund und
ausgewogen ernähren (die gute fränkische
Küche ist hierzu leider weniger geeignet).
Fettreiche Wurstwaren und Schweinefleisch sollten nur
selten auf dem Speiseplan kommen, ebenso
kohlehydratreiche Kartoffeln, Gebäck und
Weißbrot, da sie den Zuckerstoffwechsel
belasten. Obst und Gemüse sollten keinesfalls zu
kurz kommen, da hier viele Mineralien und Vitamine
enthalten sind und ausserdem die Verdauung angeregt
wird. Eiweißzufuhr in Form von Milchprodukten
(Quark, Joghurt, Käse) und Fisch (mit Ausnahme
des so geliebten Karpfen) ist wichtig, um dem Abbau
der Muskulatur entgegen zu wirken und ebenso eine
ausreichende Flüssigkeitszufuhr von mindestens 2
1/2 Litern täglich (hier sind durchaus 1 Glas
Wein oder ein kleines Bier erlaubt). Ebenso wichtig
ist, soweit es noch möglich ist, für viel
Bewegung zu sorgen, sei es durch Spaziergänge
oder tägliche Gymnastik.
-
- Auch unsere
geistigen Fähigkeiten bedürfen eines
regelmäßigen Trainings. Dazu gehören
vor allem Lesen, vieleicht auch Kreuzworträtsel
lösen, viele Gespräche führen und sich
in Gesellschaft begeben, weniger
"Marienhof","verbotene Liebe" und Gerichtssendungen
(diese Sendungen kenne ich alle durch meine
nachmittäglichen Hausbesuche) im Fernsehen
anschauen.
- Entscheidend ist,
dass Sie Ihr Leben möglichst aktiv gestalten.
Klagen über verloren gegangene Fähigkeiten
hilft nicht weiter, sondern Freuen über Dinge,
die Sie noch können. Eine Patientin sagte mir
einmal beim Hausbesuch:" Ich freue mich jeden Morgen,
dass ich noch allein aufstehen, mich anziehen, mich
waschen und mir mein Frühstück machen kann.
Dafür bin ich dankbar. Ich kann auch noch Socken
stricken und meinen Enkelkindern Geschichten
erzählen oder vorlesen. Ich suche mir auch
täglich Aufgaben, die ich noch bewältigen
kann, wie Wäsche zusammen legen, die Blumen
versorgen, Salat und Gemüse putzen. Das geht zwar
alles jetzt viel langsamer, aber ich bin zufrieden,
dass ich das noch kann". Nach meiner Erfahrung waren
diejenigen hochbetagten Patienten noch am fittesten,
die sich noch viele Aufgaben stellten, sich so weit es
ging selbst versorgten und Interessen und Hobbies
nachgingen. Seien Sie also aktiv, nehmen Sie auch am
öffentlichen Leben in Ihren Gemeinden und
Vereinen teil, besuchen sie Veranstaltungen,
Hauskreise, Nachmittagskaffeestündchen,
Plauderstübchen und was sonst noch so geboten
wird. Mitfahrmöglichkeiten sind oft gegeben oder
können organisiert werden. Hier ist vielleicht
auch einmal unsere Marktgemeinde gefordert dazu
beizutragen.
-
- Viele klagen im
Alter über Einsamkeit und wenig Ansprache. Wie
wäre es, wenn Sie einmal ganz spontan Ihre ebenso
alten und vielleicht ebenso einsamen Nachbarn
besuchen, oder einmal zusammen einen Ausflug in unsere
wunderschöne Gegend planen!
- Auch der Kontakt
zu Kindern und Jugendlichen sollte gepflegt werden.
Erzählen Sie unseren jungen Leuten ruhig mal von
früher. In Ihrer Jugend herrschten keine guten
Zeiten. Es war Krieg, die Mäner waren jahrelang
fort, es herrschte Knappheit und das Geld war
plötzlich nichts mehr wert. Ich lasse mir oft
erzählen, wie man in diesen Zeiten überleben
konnte. Meistens lautet die Antwort:" Man hat sich
halt gegenseitig geholfen". Es war damals noch normal
Solidarität zu zeigen untereinander, denn auf den
Staat konnte man sich nicht mehr verlassen. Heutzutage
hat sich das schon beinahe umgekehrt. Es hängt
auch viel davon ab, wie Ihre Angehörigen Sie in
ihr tägliches Leben mit einbinden. Oft habe ich
den Spruch gehört:" Wenn man nichts mehr arbeiten
kann, gehört man weg". Am Anfang meiner
Tätigkeit als Hausärztin war ich von diesem
Satz geschockt: erst später habe ich begriffen,
was damit gemeint war. Übersetzt heißt
das:"Ich werde nicht mehr gebraucht, ich falle allen
nur noch zur Last - darüber bin ich traurig".
Deshalb sollten wir unsere alten Angehörigen auch
mehr in unseren Tageslauf einbinden und sie nicht nur
versorgen. Meines Erachtens gehört auch dazu,
offen auszusprechen, wie es weiter gehen soll, wenn
der Hilfsbedarf größer wird und der
Pflegefall eintritt.
-
- Die meisten
Patienten und auch Angehörigen sind nach meiner
Erfahrung hier nicht genügend vorbereitet und
informiert. Überlegungen werden zumeist hinten
angestellt, wenn ein plötzliches Ereignis - sei
es durch Sturz der gefürchtete
Oberschenkelhalsbruch - sei es ein plötzlicher
Schlaganfall oder eine schnell fortschreitende
Verschlechterung der geistigen Funktion durch Demenz
oder M. Alzheimer. Das letztere ist das, woüber
meine älteren Patienten am meisten nachdenken und
wovor sie sich am meisten fürchten, nämlich
in einen Zustand zu geraten, in dem sie nicht mehr
selbst über sich bestimmen können. Daher ist
es enorm wichtig, sich schon bei Zeiten Gedanken
darüber zu machen, wie alles geregelt werden
soll, noch bevor ein möglicher Pflegefall
eintritt. Wer soll und kann mich pflegen, wer soll
meine Angelegenheiten erledigen bei Bank und
Behörden, wenn ich es nicht mehr kann? Hier kann
eine so genannte Vorsorgevollmacht
(Betreuungsvollmacht) hilfreich sein.
- Mit der
Vorsorgevollmacht (Empfehlung der
Bundesärztekammer und der zentralen
Ethikkommission) wird eine Vertrauensperson ( es
können auch mehrere sein) für den Fall der
Geschäfts- oder Einwilligungsunfähigkeit
für bestimmte Bereiche eingesetzt. Hierzu
gehören gesundheitliche und finanzielle
Angelegenheiten und die Vermögensvorsorge. So ist
es z.B. erforderlich seine Einwilligung zu bestimmten
Therapiemaßnahmen oder medizinischen Eingriffen
zu erteilen.
- Die
Vorsorgevollmacht ist nur wirksam, wenn sie
schriftlich erteilt wird und nicht an Bedingungen
geknüpft ist (z.B. nur wer mich pflegt, soll mich
beerben). Wenn sie umfassend ist, also nicht nur die
gesundheitlichen Angelegenheiten regelt, sollte sie
durch einen Notar beurkundet werden.
- Warum ist mir das
so wichtig? Es kommt in der Praxis öfter vor,
dass bei älteren Patienten mit einer
plötzlichen Erkrankung oder durch einen Unfall,
dramatische Veränderungen einhergehen, die zu
schnellem Handeln zwingen. Oft muß dann erst das
Vormundschaftsgericht bemüht werden, was zu
erheblichen Verzögerungen führt. Oftmals
wissen auch nahe Angehörige nicht sicher, was dem
tatsächlichen Willen des Patienten entspricht und
sind dann z.B. in der Frage, ob eine künstliche
Ernährung durchgeführt werden soll, ratlos.
Mit einer Vorsorgevollmacht können Sie sicher
sein, dass Ihren Wünschen entsprochen
wird.
- Eine weitere
Frage ist: Was geschieht mit mir, wenn ich so krank
werde, dass ich ins Krankenhaus muss und wenn mein
Leben nur noch durch den Anschluss an medizinische
Appatate aufrecht erhalten werden kann? Die meisten
Menschen wünschen solche lebenserhaltenden
Massnahmen im hohen Alter nicht mehr, aber jeder
Mediziner ist verpflichtet sie durchzuführen,
auch wenn sie zu keiner Verbesserung des Zustandes
führen können. Man kann solches Handeln
ausschliessen, wenn man eine sog.
Patientenverfügung festgelegt hat. Dies muss in
schriftlicher Form geschehen mit einem Text, der
juristisch anerkannt ist und mit einer Unterschrift
versehen sein. Ausserdem sollte Ihnen Ihr Hausarzt
darauf bestätigen, dass Sie Ihre Unterschrift im
Vollbesitz Ihrer geistigen Fähigkeit geleistet
haben. Die Unterschrift auf der
Patientenverfügung sollte alle 2 Jahre erneuert
werden. Es
gibt eine Fülle von Mustern für
Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen,
insbesondere von den Ärztekammern, von den
Justizministerien und von den Kirchen.
-
- Abgesehen von
plötzlich eintretenden Ereignissen, die den
Gesundheitszustand drastisch verändern
können, muss mit zunehmenden Alter ohnehin mit
einem höheren Grad an Hilfe und Zuwendung
gerechnet werden. Auch hierüber sollten Sie sich
Gedanken machen und sich informieren, denn je mehr Sie
über Hilfsangebote und gesetzliche Vorgaben (
vorallem von Krankenkassen und Pflegekassen) wissen ,
desto weniger sorgenvoll müssen Sie in die
Zukunft sehen. Über die Hilfsangebote der
sozialen Dienste und Kirchen hören Sie etwas in
den nachfolgenden Beiträgen. Als Kassenleistung
sind wichtig die Versorgung mit Hilfsmitteln
(Gehstützen, Rollstühle,
Toilettensitzerhöhung oder Toilettenstühle,
Badewannenlifter und Pflegebetten), wobei letztere
genehmigungspflichtig sind und durch entsprechend
medizinische Diagnosen begründet sein
müssen.
- Wir erleben hier
in der Praxis leider oft Verweigerung der
Krankenkassen mit zum Teil unsinnigen
Begründungen. So stand einmal in einem
ablehnenden Bescheid des medizinischen Dienstes wegen
der Verordnung eines Badewannenlifters folgendes: Der
betreffende Patient ist ja auch herzkrank - und
Herzkranke sollten aus Risikogründen nicht
gebadet sondern geduscht werden. Zu solchen
Entscheidungen gibt es jedoch die Möglichkeit des
Widerspruchs, von der Sie gegebenenfalls Gebrauch
machen sollten. Hygieneartikel wie Krankenunterlagen
und Windelhosen bedürfen nicht der Genehmigung
und können auf Kassenrezept verordnet
werden.
-
- Ein besonderes
Kapitel ist die Festlegung auf Pflegestufen, nach
denen der Einsatz von Sozialstationen und die
Bemessung des Pflegegeldes vorgenommen werden.
Bekanntlich gibt es 3 Stufen, die einem jeweils
steigenden Bedarf gerecht werden sollen.
- Bereits für
die Pflegestufe 1 ist hier ein täglicher
Pflegeaufwand von 45 Minuten erforderlich. Hierbei
darf die hauswirtschaftliche Versorgung ( wie
Haushaltsführung, Kochen und Einkaufen nicht
gerechnet werden ) was bedeutet, dass die
erforderliche Zeit allein mit der Pflege des Patienten
ausgefüllt sein muss. Die Angestellten des
medizinischen Dienstes, die Sie zur Beurteilung der
Pflegesituation nach Stellung Ihres Antrags zu Hause
aufsuchen, füllen mit Ihnen zusammen ein sog.
Pflegetagebuch aus.
- Wer einmal so ein
Pflegetagebuch gesehen hat, wird sich seiner
Problematik schnell bewusst. Alle pflegerischen
Massnahmen wie Waschen, Kämmen, Rasieren, Baden,
Windeln wechseln, Kompressionsstrümpfe anziehen,
Medikamentengabe, Blutdruck- und Blutzuckermessungen,
Einreibungen, Spritzen, sowie Hilfe beim Aufstehen und
Zubettgehen, Treppensteigen, An- und Auskleiden ect.
werden hier in einen Minutentakt gepresst und daraus
der tägliche Pflegebedarf ermittelt.
Bürokratischer gehts kaum und für die
Zuwendung zum Patienten ist kein Platz vorgesehen!
Bitte lassen Sie sich auch hier nicht von einem
Ablehnungsbescheid entmutigen und legen Sie im Zweifel
Widerspruch ein.
-
- Dass
Hilfsbedürftigkeit und Pflegefall möglichst
nicht oder erst in einem sehr hohen Lebensalter
eintreten, das wünsche ich Ihnen allen! Die
Verantwortung für Ihren körperlichen und
geistigen Zustand tragen Sie selbst jedoch am meisten.
Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit und bleiben Sie
aktiv! Sorgen Sie aber auch für klare
Verhältnisse in Ihrem häuslichen Bereich.
Sorgen Sie für gute Beleuchtung, vor allem
nachts, befreien Sie Ihre Wohnung von Stolpersteinen
(vorallem aufstehenden Teppichen) und unnötigen
Kanten und Ecken. Trennen Sie sich von zu niedrigen
Betten und Sofas und insbesondere von tief
hängenden Couchtischlampen, an denen sich Ihr
Hausarzt beim Blutdruckmessen den Kopf
stößt!
-
- Vielen Dank
für Ihre Aufmerksamkeit!
-
|